Im Wandel von Paradigmen. Wie lassen sich Low-Cost-Cobots für Präzisionsmesstechnologien ertüchtigen?

Im Wandel von Paradigmen. Wie lassen sich Low-Cost-Cobots für Präzisionsmesstechnologien ertüchtigen?

Ende letzte Woche wurde das einjährige Forschungsvorhaben 3D-FMM, welches sich mit der Entwicklung einer modularen und anpassungsfähigen Fertigungsmessplattform beschäftigt, in einem feierlichen Rahmen in den Räumen des Suhler Unternehmens PREMETEC abgeschlossen. Wie eine produktive Kooperation regionaler Unternehmen und Hochschulen angewandter Wissenschaften im Sinne eines wechselseitigen Transfers funktionieren kann, lässt sich am Beispiel dieses Forschungsprojektes studieren.

Das Projekt widmete sich einer konkreten Fragestellung, die aber zugleich ein breites Spektrum möglicher Anknüpfungspunkte eröffnet: Ist es möglich, eine automatisierte Messstation zu bauen, die zugleich kostengünstig, variabel und hochpräzise ist? Innerhalb des Horizontes ließen sich die Projektpartner mit ihren jeweiligen Perspektiven produktiv verbinden: Auf der einen Seite die Hochschule Schmalkalden und hier speziell mit Nikhil Meduri und Niranjan Kannali Ramesha ein Team des Lehrstuhls „Professur für Antriebs-, Automatisierungs- und Robotertechnik“ von Professor Frank Schrödel, und auf der anderen Seite das Suhler Unternehmen PREMETECPREMETEC, einem südthüringischen hidden champion mit einer Expertise für Messtechnik und Prüfanlagen. Eine besondere Problemstellung war dabei die kosteneffiziente Ausrichtung des Projektes, was sich auch in der Nutzung von Low-Cost-Robots manifestierte.

Der Einsatz kollaborativer Roboter nimmt in der Industrie immer mehr Fahrt auf: Im Unterschied zu vollständigen Automatisierungen wird hier ein Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine gelegt, was Herausforderungen für die Interaktion, die Kommunikation und die Sicherheit im Zusammenspiel von Roboter und Mensch birgt. Cobots können bei repetitiven Aufgaben wie Montage, Pick-and-Place oder Qualitätskontrolle helfen und industrielle Arbeitsabläufe optimieren. Zudem sind sie leicht zu programmieren und bieten einen hohen Grad an Entlastung und Arbeitsschutz. Für viele Anwendungsfälle der Industrie eignen sich kollaborative Lösungen, wobei sich das Angebot an verschiedenen Modellen von Cobots mehr und mehr erweitert. Neben hochpreisigen Varianten gibt es auch kostengünstige Modelle, die sich grundsätzlich einfachen Aufgaben erfüllen, bei denen aber Abstriche bei manchen operativen Qualitäten (wie der Geschwindigkeit) gemacht werden müssen.

Im Horizont der weiter voranschreitenden Automatisierung der industriellen Produktionsprozesse stellt sich die Frage, ob und sie sich Low-Cost-Coboter für spezifische Aufgaben nutzen lassen. Oder anders: Wie diese lassen sich kostengünstige kollaborative Roboter technologisch so ertüchtigen, dass sie hochpräzise Messoperationen vollführen können? Bevor wir uns dieser Frage und seiner Lösung widmen, braucht es noch ein paar Worte über PREMETEC und die Herausforderungen hochpräziser Messtechnologien.

Messtechnik zwischen Präzision und Flexibilität

Fertigende Unternehmen brauchen spezifische und hochpräzise Anlagen zur Vermessung ihre Werkzeuge, Bauteile und Produkte. Um eine Produktion möglichst reibungslos ablaufen zu lassen, ist eine Kontrolle von Nöten, die sich in die Produktionsabläufe einlässt. Das Unternehmen PREMETEC aus Suhl widmet sich seit mehr als 30  Jahren dieser Hausforderung und stellt für die Industrie hochwertige Lösungen für das Messen, Prüfen und Automatisieren bereit. Als ein Komplettanbieter für passgenaue Messvorrichtungen und unter anderem von Prüfautomaten entwickelt und fertigt das momentan 27-Mitarbeiter:innen starke Unternehmen für jeden Einzelfall optimierte Lösungen. Die Stückzahl der Produkte beläuft sich dabei zumeist auf eins, was die hohe Spezialisierung und Passgenauigkeit der Produkte greifbar macht.

Neben der Automobilbranche und dessen Zulieferpartnern werden zunehmend Unternehmen aus den Branchen wie der Medizintechnik, der Sicherheitstechnik und der Konsumgüterproduktion zu Abnehmern dieser Vermessungstechnologien. Das Portfolio von PREMETEC umfasst dabei neben kompakten und integrierten Lösungen auch spezielle Messstände, Messzellen und Prüfstände. Ab von der eigentlichen Vermessung ist eine Herausforderung für Messtechnologien, sich reibungslos innerhalb von Produktionsabläufen zu integrieren. Ein Produktionsintervall von einer Minute bedingt, dass auch die Prüfung unter einer Minute bleibt. Je nach Anwendungsfall und Vermessungsaufwand ist dies dann mehr oder weniger diffizil.

Die Industrie steht selbst vor Herausforderungen, was auch Folgen für Unternehmen wie PREMETEC zeitigt. Kleiner werdende Stückzahlen sind Folge dynamischer werdender Produktionszyklen, wodurch die hochspezialisierten Messtechnologien einem höheren Rentabilitätsdruck ausgesetzt werden, und worauf die Branche reagieren muss. Eine Lösung könnte sein, die Messtechnik in einem gewissen Rahmen variabel zu gestalten, und so für mehrere Produkte nutzbar zu machen. Beispielhaft sei auf eine Druckgussbauteil einer Heckklappe verwiesen, die selbst eine komplexe Geometrie aufweist und die zugleich sehr exakt gefertigt sein muss, um den Toleranzrahmen der Abweichungen nicht zu sprengen. Die akute Frage ist also, ob es eine Möglichkeit gibt, bei kleinen Varianzen im Design nicht die komplette Messtechnik ersetzen zu müssen.

Eine der zentralen Herausforderungen ist es dabei, die hohe Qualität bei Präzision und prozessualer Integration bei einer gleichzeitig gestatteten Flexibilität für variable Anwendungen garantieren zu können. Eine Lösung könnte in der Integration von Cobots bestehen, die in einem modularen Aufbau einer Messvorrichtung für unterschiedliche Vermessungsaufgaben genutzt werden könnten. Gerade preisgünstige Modelle würden es klein- und mittelständischen Unternehmen, wie sie Thüringen kennzeichnen, ermöglichen, auf diese Lösungen zurückgreifen zu können. Das Thema des Forschungsvorhabens und der Kontext seiner Anwendung stehen uns nun vor Augen. Offen hingegen sind noch die Arbeitspakete der Hochschule, also mit welchen Schwerpunkten sie sich in das Vorhaben einbrachte.

Cobots zwischen Kooperation und Korrektur

Vorab lässt sich festhalten, dass sich die Hochschule mit den Themen der Vermessung der Präzision des Cobots und den Möglichkeiten der Korrektur befasste. Mit Nikhil Meduri und Niranjan Kannali Ramesha erarbeitete ein Team aus dem Lehrstuhl „Professur für Antriebs-, Automatisierungs- und Robotertechnik“ von Professor Frank Schrödel in und zusammen mit PREMETEC über das Jahr Projektlaufzeit eine Lösung für diese Aufgabe. Das Projekt der Hochschule ließ sich in drei Arbeitspakete aufteilen, wobei sich die beiden letzten Pakete verknüpfen lassen. Für die Vermessung der Präzision des Roboters ist es wichtig zu bedenken, dass es sich um einen Low-Cost-Cobot handelt, und keine für solche Aufgaben ausgelegten Spezialvariante. Eine Folge dieser Grundbedingung ist, dass detaillierte Statistiken über das Verhalten und die Präzision des Roboters speziell im Dauerbetrieb bislang fehlten. Dieser Aufgabe hat sich die Hochschule angenommen.

Das erste Arbeitspaket befasste sich mit der Konzeptionierung des Projektes und seiner organisatorischen Koordination. Gerade weil die Laufzeit mit einem Jahr für die ambitionierten Aufgabenstellungen recht kurz bemessen war, die Abklärung der Grundstruktur ein wichtiger Aspekt. Zu unterscheiden war mit dem Sensorbereich inklusive Messkopf und Messtaster sowie dem Aktorbereich, also dem Robotor. Insbesondere musste die Kommunikation zwischen den Komponenten untersucht werden und ein Fokus auf die Ungenauigkeit der Robotorpositionierung geworfen werden. Kurzum ging es um die Frage, ob es Fehler bei der Positionierung gab und ob sich diese innerhalb einer tolerierbaren Größenordnung bewegten.

Im Zentrum des zweiten Arbeitspaketes stand neben der Entwicklung einer Steuerungsplattform auch die Erprobung, also die Übersetzung in die Wirklichkeit. Als Problem erwies sich dabei einerseits die mit der Bewegungskomplexität steigende Ungenauigkeit des Robotorarms: Je mehr Gelenke des Arms im Zuge einer Dreh- oder Greifbewegung aktiviert wurden, umso unpräziser wurden die Abläufe. Andererseits war die Sicherstellung der Wiederholgenauigkeit im Dauerbetrieb ein Gegenstand der Untersuchung. Der Robotorarm wurde unter anderem 600 mal an derselben Stelle positioniert, wobei sich im Laufe des Verfahrens eine immer höhere Ungenauigkeit ergab. Mit diesem Wiederholungspositionierungstest und der Analyse der Daten konnte sich das Schmalkalder Team einen weit umfassenderen Kenntnisstand über das Realverhalten des Robotorarms erarbeiten als dies Seitens des Herstellers bislang verfügbar war.

Diese Daten braucht es, um die Eignung des Arms für Messungen abschätzen zu können. Zugleich ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass die wiederholte Selbstpositionierung nicht zum klassischen Repertoire dieser Roboter gehört, sondern eher die Repetition von Bewegungsabläufen. Dennoch ist die Kenntnis der Fehlerrate entscheidend für Einschätzung der Eignung der Roboter und die mögliche Nutzung der Low-Cost-Cobots. Nach der Untersuchung des Verhaltens war die Korrektur der Fehler der nächste Schritt. Als ein Problem stellte sich der postfaktische Eigensinn des Roboterarms heraus, der entgegen der objektiven Faktizität davon ausging, sich an der richtigen Stelle zu befinden. Die Frage war nun, wie sich das Verhalten des Robotors korrigieren ließe.

Die Lösung bestand in der Nutzung eines selbst entwickelten 6-stufigen Algorithmus: Mittels dieser adaptiven Softwarelösung konnte die Abweichung ausgeglichen werden, ohne dass aufwändige mechanische Eingriffe nötig gewesen wären. Den hohen Ansprüchen an Präzision, wie sie sich durch die Nutzung im Rahmen der Messtechnik stellten, konnte mit dieser Lösung über eine Korrekturmatrix ebenso entsprochen werden wie der funktionalen Adaptierbarkeit, also einer bleibenden Flexibilität in der Anwendung der Messtechnik. Dem entspricht auch, dass die Komponenten, die zur Korrektur notwendig sind, extern bleiben und nicht im System selbst fixiert oder implementiert sind. So bleibt diese Machine-Learning-Lösung autonom und adaptiv, was ihrer weiteren Nutzung viele Möglichkeiten bietet.

Transfer und die kommunale, föderale und supranationale Kooperation

Der in der Überschrift notierte Paradigmenwechsel besteht darin, dass die Cobots nicht mehr nur Hilfsinstrumente zur Vermessung sind, sondern selbst zur aktiven Vermessung genutzt werden. Eine Bedingung hierfür ist die Präzision, die durch das 3D-FMM-Projekt ermöglicht wurde. Gerade weil präzise Handhabungsaufgaben in der Industrie immer relevanter werden, birgt dieses Projekt auch immense Möglichkeitsräume für die weitere Nutzung. Im Sinne des Transfers lassen sich Potentiale nutzen, auf Seiten der Hochschulen ebenso wie auf Seiten der Unternehmen wie PREMETEC und der Hersteller der Cobots.

Die Relevanz und den erwartbaren Impact des Projektes für den Wirtschaftsraum Thüringen wurde auch an der Förderung durch den „Europäischen Fonds für die regionale Entwicklung“ und der Thüringer Aufbaubank (TAB) deutlich. Neben Holger Haun von der TAB stand auch Dr. Sebastian Stark auf der Gästeliste des Abschlussevents, wobei letzterer die Referatsleitung der Technologieförderung im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft & Ländlichen Raum innehat. Mit Ariane Winkler und Sebastian Poppner war zudem auch die kommunale Wirtschaftsförderung des Oberzentrums Südthüringen vor Ort. Die Erfahrungen in der Transferbeziehung, die Hürden und Schwellen, die die Projektpartner gemacht haben, können durch dieses Netzwerk weitergetragen werden und können den Weg weiterer Forschungskooperationen ebnen.

Im Sinne eines gegenseitigen Gewinns hatte das Kooperationsprojekt für die Beteiligten Vorteile: Für das Unternehmen bietet sich eine fast marktreife Technologie, die das bestehende Portfolio sinnvoll erweitert. Für die Hochschule bot sich eine Möglichkeit anwendungsnaher Forschung, die neben Erkenntnissen und konkreten Daten auch zu mehreren Veröffentlichungen führte. Und nicht zuletzt wurde in dem Projekt ein Erfolgsmodell gezeigt, wie sich internationale Studierende in klein- und mittelständisch geprägte Unternehmen produktiv einbringen können. So konnten schlussendlich viele Potentiale genutzt werden.

Vom Feind zum Freund: Wie die Nachrichtentechnik Rauschen nutzen kann.

Vom Feind zum Freund: Wie die Nachrichtentechnik Rauschen nutzen kann.

Die Digitalisierung der Gesellschaft beschränkt sich nicht auf Smartphones, sondern zeitigt mit Impulsen wie der Automatisierung der Mobilität, der smarten Steuerung unserer Energieversorgung und der Industrie 4.0 umfassende Transformationseffekte in ganz verschiedenen Bereichen. Auch wenn wir es im Horizont des Digitalen gewohnt sind, eher im Sinne des „Höher, Weiter und Schneller“ zu denken, was sich exemplarisch an den Anforderungen an Datenmengen und den Raten ihrer Übertragung zeigt, so gibt es auch Anwendungsbereiche, die sich an gegenläufigen Imperativen orientieren. 

Die Idee der Nachhaltigkeit findet einerseits zunehmend Verbreitung, was sich u.a. in dem Verständnis von Energie als wertvoller, nicht unendlich verfügbarer Ressource bekundet, andererseits ist die unreflektierte Verschwendung von Energie gewiss noch immer ein Thema, das sich in verschiedenen Bereichen wie der Nutzung von generativer künstlicher Intelligenz manifestiert. Neben dem gesamtgesellschaftlichen Horizont gibt es allerdings auch viele andere Motive, mit Ressourcen wie Energie oder Daten bewusst und effizient umzugehen

Technologien, die sich zum Beispiel eher an Prinzipien der Energieeffizienz ausrichten, sind dabei schon heute von Nutzen: Neben den Zahlungen per Bargeld sind EC Karten, Smartphones und Smartwatches mittlerweile als Zahlungsoption im Alltag weit verbreitet. Auch wenn diese Zahlweise rein äußerlich recht simpel wirkt, beruht sie auf komplexen Technologien, die zugleich die notwendige Sicherheit verbürgen. Die Energieeffizienz ist hierbei ein wichtiger Aspekt, der die sichere Kommunikation im Nahbereich ermöglicht. 

Was ist die Nachrichtentechnik?

Mit der Frage, wie Informationen übertragen werden, befasst sich die Elektrotechnik, genauer das Gebiet der Nachrichtentechnik. Kurz gefasst geht es hierbei um die Gewinnung, Umwandlung, Übertragung, Vermittlung, Speicherung und Ausgabe von informationstragenden Signalen. Im Fokus steht das Ziel, möglichst unverfälschte Informationen zu übermitteln, wobei die Herausforderungen hierbei ebenso beim Aus- wie beim Eingang der Signale wie bei dem Übertragungsweg und dem Umgang mit Störungen liegen. Anders formuliert lässt sich dies als Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik im Sinne der technischen Infrastruktur einer digitalen Gesellschaft begreifen.

Das Betätigungsfeld dieser ingenieurwissenschaftlichen Disziplin hat sich im Zuge des Wandels von der Analog- hin zur Digitaltechnik erheblich aufgefächert. Zugleich ergeben sich mit dem Entstehen der modernen Informationsgesellschaften genuine Herausforderungen, die verschiedene technologische Lösungsansätze bedürfen. Einerseits meint dies den Aufbau einer leistungsfähigen Netzinfrastruktur, wie sie viele Bereiche benötigen, zum Beispiel die autonom agierende Logistik. Die Unmengen an Daten und ihre notwendige Verfügbarkeit (sowie Verarbeitung) in Echtzeit verlangt eine optimale Nutzung der Übertragungstechnologien, Kanalkapazitäten und Bandbreiten, um die Kommunikation zu ermöglichen. Andererseits gibt es Anwendungsfelder wie die erwähnte Zahlung über EC-Karten, Schlüsselkarten (u.a. beim Car-Sharing), in deren Fokus die Authentifizierung und die Sicherheit stehen und dies mit einem geringen Energieverbrauch verbinden.

Signal-Rausch-Abstand 

Das allgemeine Ziel in der Nachrichtentechnik ist die Übermittlung von Informationen, indem ein Signal möglichst störungsfrei von Sender zum Empfänger gesandt wird. Ein relevanter Faktor ist hierbei der Signal-Rausch-Abstand: Je größer der Abstand, um so distinkter nimmt sich der Unterschied zwischen dem Signal und störenden Einflüssen, zum Beispiel von überlagernden Umgebungsgeräuschen, aus, wodurch die Informationen klarer empfangen werden können. Um diese Beeinträchtigungen des Signals zu minimieren, gibt es zwei Wege: Ein Ansatz besteht in der Reduktion bzw. Filtern der Störgrößen. Der andere klassische Weg besteht in der Verstärkung des informationstragenden Signals. In beiden Fällen wir der Signal-Rausch-Abstand vergrößert und das erwünschte Signal deutlicher.

Zu bedenken ist, dass je nach Verstärkung der Leistungsaufwand und damit der Energiebedarf steigt. Gerade in Anwendungsfällen, in denen Energie nur sehr begrenzt zur Verfügung steht, muss dieser Faktor folglich miteinkalkuliert werden. Je nach Anwendungsgebiet ist es mithin eine Abwägung, welches Instrument geeigneter erscheint. Der adaptive Umgang mit Gegebenheiten und Problemstellungen ist eine ingenieurwissenschaftliche Grundkompetenz, die auch im Bereich der Nachrichtentechnik zum Tragen kommt.

Zwischen Effizienz und Signalstörungen

Für spezifische Anwendungsfälle ist die Minimierung des Energieaufwandes zur Datenübertragung notwendig, wofür angepasste technische Lösungen gefunden werden müssen. Einer dieser Fälle ist die Steuerung von Rovern in extraterrestrischen Umgebungen, aber es gibt auch weit irdischere Anwendungen. Professor Ralf Martin Kramer stellte im Rahmen seiner Antrittsvorlesung einen neuen Ansatz der Datenübertragung vor, der den speziellen Anforderungen einer Datenübermittlung mit minimalen Energieaufwand genügt, wobei dieses Thema auch im Zentrum seiner Dissertation stand. Seit Oktober 2024 hat Dr.-Ing. Kramer die Professur „Elektronische Schaltungen“ an der Fakultät für Elektrotechnik der Hochschule Schmalkalden inne.

Bleiben wir zunächst bei der Informationsübertragung: Um eine sichere Informationsvermittlung bei nicht allzu hohem Energieaufwand zu gewährleisten, ist es möglich, dass sich Sender und Empfänger auf bestimmte Sequenzen einigen. Das heißt, die Signale bestehen nicht nur aus einzelnen Informationen, sondern aus Zeichenketten, die dann für eine Information stehen. Ein Beispiel ist das NATO-Alphabet, in dem Charly für C steht: Käme nur arly als Information an, wäre dennoch klar, dass C gemeint ist. Zwar ist dies ein unnötiger Overhead – also ein informationeller Mehraufwand –, bei gestörten Übertragungen und fehlenden Fragmenten in der Übertragung ist dies aber ein Weg, die Übermittlung zu verbessern. So kann ein gewisser Grad des Rauschens akzeptiert werden, zugleich ist aber eine gewisse Rechenleistung durch die Interpretation des Eingangs ebenso notwendig wie die Kenntnis der Codierung bei Empfänger und Sender.

Radio Frequency Identification

Eine andere Variante ist Sigma Shift Keying (SSK), der wir uns gleich zuwenden. Kurz gefasst ist dies eine Übertragungstechnik, der Ansätze des RFID zugrunde liegen und variiert werden. Was ist RFID? Grundsätzlich meint dies die Radio Frequency Identification und ist eine Technologie zur automatischen, kontaktlosen Identifizierung von Objekten mittels Radiowellen. Neben einem Lesegerät umfasst das System einen Sender-Empfänger (Tag) und erlaubt zugleich die eindeutige Authentifizierung des Tags. Die RFID-Tags sind weitverbreitet, sehr kostengünstig – zumindest in ihrer passiven Version – und erlauben die eindeutige Identifizierung von Objekten.

Es gibt verschiedene Varianten, wobei die grundlegende Funktion vergleichbar bleibt: Die Leseeinheit baut ein hochfrequentes Feld auf und aktiviert so den Tag. Je nachdem gibt der Tag nur die Information seiner Anwesenheit zum Zwecke der Identifizierung zurück, weitere Daten oder nimmt vom Lesegerät gesandte Daten auf. Der Tag kann passiv sein, also ohne eigene Stromversorgung, wobei er hierbei seine Energie vom Feld des Lesegerätes entnimmt. Durch diese Einschränkung ist der Funktionsumfang dieser Tags gering. Aktive Tags sind mit einer Batterie versehen, wodurch sie mit effizienten Sensoren ausgestattet werden können, deren Messungen sie zum Beispiel an das Lesegerät weitergeben können. Zudem können sie Berechnungen selbstständig vornehmen.

Software Defined Radio

Bevor wir zum SSK kommen, muss noch eine zweite technologische Komponente eingeführt werden, die eine weitere Grundlage des SSK bildet: Das Software Defined Radio. Kurz gefasst geht es hierbei um ein Kommunikationssystem über Radiowellen, bei dem die analoge Hardware durch eine auf einem integrierten Computer befindliche Software ersetzt wurde. Vormals hardware-basierte Komponenten der analogen Signalverarbeitung wie Selektion und die Modulation/Demodulation werden nun über eine digitale Signalverarbeitung geleistet. Bedingung hierfür ist die gewachsene Leistungsstärke der Chips. Vorderhand bieten Softwarelösungen den großen Vorteil einer bleibenden Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die fixierte, analoge Formen nicht aufweisen können. Zum Beispiel ist dies eine Grundlage der mobilen Telefonie: Der ständige Wechsel von einer Funkzelle in eine andere und die sich dabei verändernden Funkprotokolle (Regeln, Syntax, Semantik und Synchronisation des Datenaustauschs) wären mit analogen Apparaturen kaum realisierbar.

Mit den jüngsten technologischen Entwicklungssprüngen in der Rechenleistung und der Verfügbarkeit kostengünstiger Komponenten wie digitalen Signalprozessoren fand auch die SDR-Technologie im nicht-militärischen Sektor Verbreitung. Ein Beispiel sind die DVBT-Empfänger in USB-Sticks, in denen SDR-Komponenten verbaut sind. Wie nutzt nun SSK das SDR? Das SSK benötigt gewisser mathematischer Modelle und Berechnungen, um die Signale zu Detektieren und zu Synchronisieren. Diese Operationen können jedoch auf Algorithmen reduziert und in Form von Software auf den Empfängern hinterlegt werden. Das SSK-System bleibt in der Folge möglichst leicht und anpassungsfähig an verschiedene Anwendungsfelder und Berechnungsmodelle.

Sigma Shift Keying

In natürlichen Umgebungen gibt es ein unvermeidliches Grundrauschen. Dieses Rauschen ist eine echte stochastische Größe, also ein Zufallsprozess, der als solcher nicht prognostizierbar ist. Anders als im üblichen Umgang der Nachrichtentechnik wird dieses Rauschen im SSK akzeptiert und zum Beispiel als die binäre Null gesetzt. Der zweite zur Übertragung notwendige binäre Zustand „1“ wird durch eine gezielte Änderung des Rauschens herbeigeführt. Hierbei besteht die Möglichkeit zusätzliches Rauschen hinzuzufügen, oder alternativ eine Reduktion des vorhandenen Rauschens vorzunehmen. In beiden Fällen wird eine Unterscheidbarkeit der beiden Signale, also des Grundrauschens und des informationstragenden Signals, im Sinne von Rauschniveaus eingetragen. Auch wenn also die stochastische Größe des Rauschens selbst unberechenbar bleibt, lässt es sich so verändern, dass es Informationen übertragen und von einem Lesegerät aufgenommen werden kann. Das Rauschen, dass bislang einzig als Problem in der Nachrichtentechnik aufgetreten ist, kann so selbst zur Übertragung genutzt werden.

Gerade die Absorption hat den Vorteil der Energieeffizienz, da hier kein eigenes Feld aufgebaut werden muss, sondern ein vorhandenes genutzt wird. Dahinter steht das bereits in der Messtechnik bekannte Prinzip der Lastmodulation. Grob vereinfacht wird dabei Energie absorbiert und über einen Widerstand in Wärme verwandelt. Zugleich kann so das Rauschen reduziert werden, wodurch ein kontaktloses Abtasten des Signals möglich wird. 

Der technische Aufwand des SSK ist dabei nicht anspruchslos:  Gerade die Rückgewinnung der binären Daten aus dem stochastischem Rauschsignal ist eine Herausforderung, wobei die Synchronisation sowie die Detektion zu leisten ist. Für beide Aufgaben wurden bestimmte mathematische Methoden entwickelt, die die Übertragung der Informationen leisten. Der Algorithmus muss also klären, welches Niveau verschiedene Rauschsampels haben und an welchen Stellen Datenpakete beginnen und enden.

Der Vorteil des SSK liegt in Fällen vor, in denen eine kontaktlose Übertragung von Messwerten in geschlossenen Objekten anvisiert wird, die zugleich über längere Zeit gegeben sein soll. Durch den minimalen Energieverbrauch und die angepasste RFID-Technologie ist einerseits die langfristige Authentifizierung möglich, und andererseits durch die Nutzung effizienter, in die Microprozessoren bereits integrierter Sensoren eine Erweiterung der funktionalen Möglichkeiten gegeben. In der Auslegung als Low-Power-Sensoren eignet sich diese Technologie zum Beispiel für spezifische Medizinprodukte, die den inneren Zustand von Paketen überwachen (Druck, Temperatur u.a.).

Forschung und Lehre

Neben der weiteren Optimierung der Technik und Verfahren ist ein Ziel der Forschung, die SSK-Empfänger auf einer kostengünstigen Hardware zu implementieren, wobei die Reduktion der Kosten einer zukünftigen Verbreitung der SSK-Technologie dienlich sein sollte. Die praktische Umsetzung von SSK im konkreten Anwendungsfall der RFID steht noch in einer frühen Phase der Forschungstätigkeit. Ziel ist es hier eine kostengünstige Lösung in die Praxis umzusetzen. 

Neben der RFID Übertragung gibt es aber noch einige weitere andere Anwendungsgebiete, die aber hiervon deutlich abweichen. Durch die Möglichkeit, eine Änderung der Standardabweichung vorzunehmen (daher auch der Name „Sigma“- für die Standardabweichung), also die Umtastung der Standardabweichung, kann auch z.B. eine existierende Funkstrecke um den Parameter der Modulation der Standardabweichung erweitert werden. Kurzum können so zusätzliche Daten können zu den bereits existierenden Datenkanal übertragen werden.

Mit einer angetretenen Professur verbinden sich jedoch nicht nur Aspekte der Forschung, sondern auch der Lehre, mithin der Vermittlung von Wissen und Kompetenzen. Just der kreative Umgang mit Problemstellungen im Sinne eines Motors für Innovationen lässt sich als ein Brückenschlag zwischen der Entwicklung des Sigma Shift Keying und der grundlegenden Vermittlung ingenieurswissenschaftlicher Kernkompetenzen deuten, der insbesondere an Hochschulen angewandter Wissenschaften von Relevanz ist. Theorie und Praxis sollen sich demgemäß produktiv verknüpfen, und die Problemlösungskompetenz der Studierenden stärken. Ein Weg der Vermittlung besteht in ambitionierten studentischen Projekten, in denen sich mechanische und elektrotechnische Aufgaben verbinden. Ein Beispiel ist die Konstruktion einer Sortiermaschine, für die verschiedene Gruppen ganz unterschiedliche Wege der Umsetzung gefunden haben. Solche praxisnahen Erfahrungen können die Studierenden dann in ihrem Berufsleben nutzen.